Fotos von Kento Mori
Fragen von Linda Moers

 

Giving people a small „!“ moment. Es ist der erste Satz, der einem begegnet, wenn man auf der Website des Designstudios nendo herausfinden möchte, welche Philosophie den Arbeiten zugrunde liegt. Das Ausrufezeichen markiert symbolisch den Moment, in dem wir innehalten, wann auch immer wir mit etwas Unerklärbarem, Bedeutungsvollem konfrontiert werden. Im Lexikon findet sich zur Definition des Ausrufezeichens dieser Satz: „Das Ausrufezeichen verleiht dem Vorangehenden einen besonderen Nachdruck.“ In die Welt von nendo übertragen ist es wie ein Gang durch eine endlose Straße, in der wir an jeder Ecke mit einer anderen Arbeit des Designstudios überrascht werden. Das Ergebnis des vorangegangenen Schaffens bereitet uns die kleinen, besonderen Momente: !. Von klug inszenierten Schaufenstern, dem einen Produkt, das in einem Geschäft voller Produkte unsere ganze Aufmerksamkeit erhält, der eine Stuhl, auf dem man von nun an immer sitzen will, Ausstellungen, die einen wegen ihrer Konzeption allein schon zu begeistern wissen bis zu dem beeindruckenden Haus, vor dem man einfach stehen bleiben muss. „We’d like the people who’ve encountered nendo’s designs to feel these small ,!‘ moments intuitively.“ Wir haben uns mit dem Gründer von nendo  Oki Sato  unterhalten und ihn gebeten, uns mitzunehmen in diese kleine große Welt der flüchtigen Momente auf ihrem Weg zur Ewigkeit.

 

2002 hat Oki Sato das Designstudio nendo in Tokio gegründet. Drei Jahre später folgte die Dependance in Mailand. Etwa 30 Designer entwickeln und realisieren Designprojekte über sämtliche Disziplinen hinweg, unter anderem in den Kategorien Produkt-, Interieur-, Möbel-, Ausstellungs-, Licht- und Grafikdesign. Es geht darum, besondere Momente des Alltags zu sammeln und sie den Menschen verständlich zu machen. Das gelingt nendo im Hinblick auf die lange Reihe der Auszeichnungen mit Erfolg. In der Kundenliste tauchen viele namhafte Unternehmen auf, die ganz auf die besondere Perspektive von nendo vertrauen, darunter Flos, Cappellini, Fritz Hansen, Shiseido, YKK und SNCF.

 

1977 in Toronto, Canada geboren, wechselte Oki Sato den Kontinent, um Architektur an der Waseda Universität Tokio zu studieren. Mit der Gründung seines ersten eigenen Designstudios nendo hat sich Oki Satos Welt um ein interdisziplinäres Team vergrößert, das gemeinsam mit ihm herausragende Designprojekte realisiert. Auch die Titel haben sich erweitert. The 100 Most Respected Japanese, Designer of the Year, Interior Designer of the Year, Change Maker of the Year sind eine Auswahl der persönlichen Ernennungen internationaler Jurys.

 

 

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Oki Sato, noch einmal kurz von vorn: Es gibt immer einen Grund, warum unsere Wahl letztlich auf einen bestimmten Beruf fällt. Erinnern Sie sich noch, wann Sie sich entschieden haben, den Weg des Designs einzuschlagen?

oki sato

Ich habe mich nach meinem Architekturstudium gefragt, wie es weitergehen soll. 2002 reiste ich dann mit einigen Freunden nach Mailand. Ich fand es wahnsinnig spannend, dass die Designer dort so frei und ungezwungen arbeiteten. Und so entschloss ich mich, nendo zu gründen und im nächsten Jahr als Designer statt als Besucher nach Mailand zurückzukehren.

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Ich habe den Ausdruck Weg des Designs gewählt, weil sich Ihre Welt nicht in einzelne Disziplinen unterteilen lässt. Seit der Gründung von nendo arbeiten Sie in den verschiedensten Bereichen  vom Grafik- über das Licht- und Ausstellungsdesign bis hin zum Möbeldesign. Gibt es für nendo Grenzen?

oki sato

Nein, denn es ist so: Egal, was man entwirft, der Designprozess an sich ist immer gleich. Natürlich gibt es da einige technische Unterschiede, ob ich ein kleines Stück Schokolade entwerfe oder einen großen Innenbereich. Das Entscheidende aber ist, dass in beiden Fällen Menschen mit dem Design in Berührung kommen. Und das eigentliche Ziel, nämlich bei diesen Menschen eine emotionale Reaktion auszulösen, ist jedes Mal das Gleiche und ändert sich nicht im Geringsten.

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Das japanische Wort nendo bedeutet Modelliermasse oder Knete  ein weiches, formbares Material. Das Designstudio nendo betrachtet es als seine Mission, das Alltägliche zu rekonstruieren. Dazu sammelt es Momentaufnahmen und formt diese in etwas leicht Verständliches um. Vielleicht können Sie das anhand der Projekte erlebbar machen, für die Sie vor Kurzem von Wallpaper in den Kategorien Bestes neues öffentliches Gebäude und Bestes neues Pflegeprodukt nominiert wurden?

oki sato

Die Nominierung Bestes neues öffentliches Gebäude haben wir für CoFuFun erhalten. Das ist ein Gesamtkonzept für den Bahnhofsvorplatz der japanischen Stadt Tenri im Südwesten Japans. Ich gehe gerne einmal ins Detail, um die Bandbreite der Ideen und Gedanken zu veranschaulichen.

 

Der Plan für das 7.700 Quadratmeter große Gelände umfasst neben Stellplätzen für Mietfahrräder, einem Café und verschiedenen Geschäften auch einen Infopoint, einen Spielplatz, eine Freiluftbühne und einen Bereich für Begegnungen. Das Projekt soll die lokale Gemeinschaft fördern und wiederbeleben, indem es Raum für Veranstaltungen, zur Touristeninformation und für die Freizeitgestaltung der Einheimischen bereitstellt.

 

In der Stadt Tenri gibt es einige uralte japanische Grabhügel, die in Japan Kofun genannt werden. Diese schönen Grabhügel sind markant und fügen sich gleichzeitig mühelos in die Räume ein, in denen das Alltagsleben in Tenri stattfindet. Damit bildet der Bahnhofsvorplatz, auf dem mehrere dieser Kofun-Hügel prächtige Akzente setzen, die typische lokale Geografie des Nara-Beckens ab, das von Bergen umgeben ist.

 

Für den Bau der runden Kofun-Strukturen auf dem Bahnhofsvorplatz wurden Betonfertigteile verwendet, die wie riesige Pizzen aussehen. Da die Fertigteile in einer Fabrik hergestellt und erst vor Ort zusammengebaut werden, ergeben sich präzise Strukturen. Die Gießformen können dabei mehrfach genutzt werden, was die Wirtschaftlichkeit erhöht. Die Fertigteile werden wie Bausteine mithilfe riesiger Kräne zusammengesetzt, wie sie auch im Brückenbau zum Einsatz kommen. So lassen sich ohne Träger und Stützen große Räume schaffen. Die runde Form der ausgewogenen Strukturen bietet Stabilität gegenüber Belastungen, egal aus welcher Richtung.

 

Die Stufen der Kofun-Strukturen dienen den verschiedensten Zwecken: Sie sind Treppen, aber auch Sitzbänke, Begrenzungen für spielende Kinder, Dächer, die dem Café und der Bühne Schutz bieten, Regale zur Ausstellung von Produkten und fester Bestandteil der nächtlichen Beleuchtung des Bahnhofsvorplatzes. Diese Vielfalt schafft eine Umgebung, die Besucher ermutigt, den Platz zu erkunden, Zeit in den verschiedenen Arealen zu verbringen und sich nicht nur an einem Ort aufzuhalten. Es ist ein mehrdeutiger Raum, entweder durch und durch Café, Spielplatz oder riesiges Möbelstück  und doch alles zur selben Zeit.

 

Wegweiser und Schilder sind wie ein Kofun sanft gerundet und in einem Dunkelgrau gehalten, das für einen natürlichen Kontrast sorgt und sich zugleich stimmig in die Umgebung einfügt. Um den Lärmpegel zu minimieren, sind die Areale je nach Funktion in vier verschiedenen Höhen angeordnet. Der Ort für Begegnungen wurde um einen Kinderspielplatz, eine Lounge, einen Leseraum sowie eine Bühne für Konzerte und Public Viewing ergänzt. Daneben können in einem neu gestalteten Geschäft Souvenirs der Stadt Tenri erworben werden.

 

Bei jedem Bereich wurde darauf geachtet, dass die Materialien und Farben der Innenräume möglichst genau zu denen des Bahnhofsvorplatzes passen. Die Möbel und Einbauten wurden aus einem Holz aus der Präfektur Nara gefertigt und rund um das Thema Kofun gestaltet. Sie schaffen ein Gefühl der Einheit mit dem Bahnhofsvorplatz.

 

Der Name CoFuFun verbindet das wichtigste Designmotiv, den Kofun, mit einem umgangssprachlichen japanischen Ausdruck. Fufun bedeutet unbewusst und zufrieden vor sich hin summen. Die Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes soll eine gesellige Atmosphäre schaffen, sodass die Besucher, wenn sie sich dort befinden, sozusagen unbeschwert ein Liedchen trällern.

 

Schreibt man den Namen CoFuFun in lateinischen Buchstaben, dann steckt außerdem die Vorsilbe Co darin, die für das deutsche mit oder zusammen steht wie bei den Wörtern Kooperation oder Koexistenz; aber natürlich auch das englische Wort Fun, der Spaß. Man erhält also einen Namen, der sowohl in der japanischen als auch in der lateinischen Schreibweise eine ähnliche Bedeutung hat und so sicherstellt, dass auch ausländische Besucher den Bahnhofsvorplatz richtig begreifen.

 

Die Auszeichnung Bestes neues Pflegeprodukt erhielten wir für naturaglacé. Bei diesem Projekt handelt es sich um die Neuauflage anlässlich des zehnten Geburtstags der Bio-Kosmetikmarke. Das Alleinstellungsmerkmal der Marke sind die verwendeten Rohstoffe, die zu 100 Prozent natürlichen Ursprungs sind. Die Produkte werden in Japan hergestellt, sind sicher, gut verträglich und so sanft, dass sie sogar für Babyhaut geeignet sind. Die Herausforderung lag darin, diese Stärken und Merkmale besser zu kommunizieren.

 

Bei der Neuauflage haben wir versucht, den Wert der Produkte über elf Farben zu vermitteln, die in der Natur vorkommen und einen Bezug zu den Rohstoffen herstellen, die in den Produkten verwendet werden. Auf den Verpackungen zeigen wir Pinselmuster in diesen Farben. Zudem haben wir die Größen und Anordnungen der Muster so variiert, dass jede Packung einzigartig ist.

 

Um die einzelnen Produktkategorien voneinander zu unterscheiden, haben wir für die gesamte Farbpalette zehn Muster eingesetzt. Als Grundfarbe für die Behälter wählten wir einen warmen Grauton mit matter Oberfläche. So vermeiden wir die Bildung von Lichthöfen auf den weichen Farben der Außenverpackung. Die Dosen für Foundation und Lidschatten haben am Rand eine kleine Vertiefung, die an eine Malerpalette mit Daumenloch erinnert. Mit den Gaben der Natur und der Aufforderung an die Kundin, diese bei sich selbst anzuwenden wie eine Aquarellmalerin auf einer Leinwand, haben wir ein Design geschaffen, das die Freude am Schminken vermittelt.

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