Text von Moritz Gaudlitz
Fotos von Vincent Tullo

 

Während manche Menschen glauben, dass superintelligente Computer und künstliche Intelligenz unser Leben schon bald stärker als je zuvor kontrollieren werden, denken andere, wir sind von dieser Entwicklung noch Jahrzehnte entfernt. 

Was wir jedoch belegen können, ist, dass die Menschheit und das menschliche Miteinander fast vollständig von den sozialen Medien sowie von sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram oder YouTube beeinflusst werden. Die Menschen beginnen, in ihren eigenen individuellen Realitätstunneln zu leben und zu kommunizieren, und viele von uns sind gar nicht mehr in der Lage, sich mit anderen auf herkömmliche Weise auszutauschen. Wissenschaftler, Industrielle, Soziologen und Medienkritiker haben einen Diskurs darüber eröffnet, was passiert, wenn die sozialen Medien und das Internet sich auf unser Potenzial der Menschlichkeit und der Freiheit auswirken und unser Leben dramatisch beschleunigen. Einer von ihnen weist darauf hin, dass die Menschheit nach wie vor eine enorm wichtige Rolle spielt  selbst in unserer digitalen und   technologisch hoch entwickelten Welt.


Douglas Rushkoff sagte einst: „Wenn alles um uns herum beginnt, sich wie wild und unkontrolliert zu beschleunigen, ist Geduld manchmal die einzig richtige Antwort. Drücken Sie die Pausetaste.“ Der US-amerikanische Medientheoretiker, Autor, Kolumnist und Akademiker ist bekannt für seine Verbindung zur frühen Cyberpunk-Kultur und seine Unterstützung von Open-Source-Lösungen für soziale Probleme. 2002 wurde er mit dem Marshall-McLuhan-Preis für englischsprachige Sachliteratur ausgezeichnet. Rushkoff hat diverse Romane und Sachbücher veröffentlicht und unterrichtet an verschiedenen Universitäten. Derzeit lehrt er als Professor für Medientheorie und Digitale Wirtschaft am Queens College der City University of New York. Douglas Rushkoff und ich führten ein Gespräch in zwei verschiedenen Zeitzonen, in dem wir uns über das Menschsein im digitalen Zeitalter unterhielten sowie über sein in Kürze erscheinendes Buch Team Human.

 

 

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Bei meiner Vorbereitung auf unser Gespräch bin ich auf ein Interview gestoßen, das Paul Miller, der Chefredakteur des US-Technikportals und Mediennetzwerks The Verge mit Ihnen geführt hat. Thema war eines Ihrer letzten Bücher: Present Shock. When everything happens now. Der Chefredakteur war zu diesem Zeitpunkt mehr als 300 Tage offline. Da wir uns leider nicht persönlich treffen können, sprechen wir mittels Skype und müssen deshalb online sein. In welchen Lebenssituationen sollten wir häufiger offline sein?

douglas_rushkoff

Zu den Dingen, die meiner Meinung nach wirklich gut offline funktionieren, gehört Sex. Das funktioniert echt gut mit dem Körper. Oder Zeit mit der Familie zu verbringen. Eigentlich so ziemlich alles, was in der physischen Welt möglich ist. Eine Erfahrung in der physischen Welt hat eine größere Bandbreite, sie zeichnet sich sei es über Berührungen oder Gerüche durch zusätzliche Sinneswahrnehmungen aus. Trifft man eine Person in der realen Welt, dann sieht man viel mehr. Mir fällt eigentlich kaum etwas ein, das in der virtuellen Welt besser funktioniert. Gut, ich nehme an, wenn man eine Rede vor einer Million Menschen halten möchte, dann ist das mithilfe der Medien sicher leichter als zu versuchen, alle an einem Ort zu versammeln. Oder wenn man Flugreisen vermeiden möchte, dann kann man online mit Menschen kommunizieren, die weit entfernt sind. Aber ich würde niemals sagen, dass diese Online-Kommunikation besser ist, sie ermöglicht lediglich eine Form der Telepräsenz. Nutzt man die Möglichkeiten der Online-Präsenz für etwas, das im echten Leben nicht möglich ist, dann ist das cool. Dienen sie aber nur als Ersatz für das echte, wahre Leben, dann verpasst man etwas. Man verpasst ein bestimmtes Maß an Aufrichtigkeit und Erfahrung. Ich denke, es kommt auf unsere Werte an. Wenn wir dafür leben, unseren Nutzwert zu erhöhen das heißt unseren Wert als Angestellter oder den monetären Wert, den wir für irgendein Unternehmen haben , dann könnte es in der Tat besser sein, ständig online zu sein und mit anderen Menschen auf diese Art zu interagieren. Aber letztlich werden wir dabei verlieren. Schließlich ist es unsere Lebenszeit, die wir dafür aufwenden, und wir alle wissen doch, wie wir diese Zeit eigentlich verbringen möchten.

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Sie sagen also, es ist von wesentlicher Bedeutung, dass wir uns in diesem digitalen Zeitalter unsere menschliche Autonomie bewahren. Wie aber sichern wir unsere menschliche Souveränität jetzt und in Zukunft? Wie können wir es vermeiden, dass wir im digitalen Zeitalter zu Sklaven werden und stattdessen die digitalen Möglichkeiten nur als Hilfestellung nutzen?

douglas_rushkoff

Nun, ich denke, der erste Schritt in die richtige Richtung besteht im Bewusstsein. Die Menschen müssen eine digitale Plattform bewusst nutzen und sich klar darüber sein, dass diese Plattform von Menschen und Unternehmen programmiert wurde, die sehr konkrete Ziele verfolgen. Das soll überhaupt nicht wie eine Verschwörungstheorie klingen. Ich will damit nur sagen, dass die Instrumente und Werkzeuge, die wir nutzen, von Menschen geschaffen wurden, die ein bestimmtes Ziel verfolgen. Sei es, dass sie uns zu Abonnenten machen wollen oder dass wir von dem Werkzeug abhängig werden beziehungsweise uns auf eine bestimmte Art und Weise mit anderen Menschen befassen sollen. Die Instrumente und Werkzeuge ermutigen uns zu bestimmten Verhaltensweisen und sorgen dafür, dass wir andere Handlungsweisen unterlassen. Bevor wir diese Instrumente und Werkzeuge nutzen, müssen wir uns daher bewusst sein, welchem Zweck sie dienen. Betrachtet man etwas so Einfaches wie Facebook, muss man sich folgende Frage stellen: Abgesehen von den Zwecken, für die ich Facebook nutze, wem oder wozu dient Facebook noch? Die Antwort lautet: Die Plattform dient der Gewinnung von Daten, und zwar in erster Linie der Gewinnung von Verbraucherdaten und politischen Daten zu meiner Person.

 

Sie ermutigt daher datenintensive Verhaltensweisen, die mit meinen Entscheidungen als Verbraucher, meinen politischen Entscheidungen und verschiedenen Aspekten meines Lebensstils zu tun haben. Es handelt sich um Datenkategorien, die man zu Geld machen kann, die für Facebook wichtig sind. Verhaltensweisen dagegen, die mich dazu bringen, mit Menschen in der physischen Welt zu interagieren, also Verhaltensweisen, die mich dazu bewegen, offline zu gehen und mich ermutigen, bestimmte Dinge über mich und meine Person vertraulich zu behandeln oder nur mit meinem engen Freundeskreis zu teilen, versucht Facebook entgegenzuwirken. Denn diese Verhaltensweisen passen nicht zum Businessplan der Plattform. Das ist, glaube ich, der springende Punkt. Verstehen die Menschen, welche Zwecke die von ihnen verwendeten Technologien verfolgen, ist es weniger wahrscheinlich, dass sie von diesen Technologien ausgenutzt werden. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen diese Technologien für deren ursprünglich vorgesehene Zwecke nutzen und nicht dafür, sich mithilfe einer gar nicht dafür ausgelegten Technologie Liebe, Erfüllung, Selbstbestätigung oder echte soziale Kontakte zu beschaffen.

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Weil wir gerade davon sprechen: Wie hat sich Ihr Standpunkt bezüglich der digitalen und der künftigen Innovationen in den vergangenen dreißig Jahren verändert, in denen Sie sich von einem Technologie-Utopisten zu einem Cyberpunk und inzwischen zu einem Medienkritiker gewandelt haben? 

douglas_rushkoff

Ich glaube nicht, dass sich meine Ansicht überhaupt verändert hat. Meiner Meinung nach haben sich die Menschen verändert, die die digitale Technologie entwickeln. Ich habe im Grunde immer das Gleiche gesagt. Ich freue mich über die Möglichkeit, dass Menschen sich austauschen und wundervolle Dinge organisieren, bauen und verwirklichen können. Gleichzeitig aber empfinde ich es als traurig, dass die mit Abstand meisten dieser Möglichkeiten für diese Art der menschlichen Entwicklung von dem gleichen Markt vereinnahmt werden, den schon die Cyberpunks unbedingt zu Fall bringen wollten. In den späten 1980ern und frühen 1990ern sah es für kurze Zeit so aus, als ob sich tatsächlich etwas ändern könnte. Es schien so, als ob wir diese Technologien nutzen könnten, um Menschen zu ermutigen, den Wohlstand gerechter zu verteilen, Entscheidungsprozesse zu dezentralisieren und in vielerlei Hinsicht eine Relokalisierung zu erreichen. Damit wollten wir uns von unserer Sucht nach den Botschaften der Massenmedien frei machen und erreichen, dass jeder Einzelne von uns seine Gedanken und Ideen frei und öffentlich verkünden kann. Stattdessen sind die Menschen jedoch auf diese hoch zentralisierten Plattformen migriert. Damit besitzen heute weniger Menschen und weniger Unternehmen mehr Medienraum als je zuvor. Was wir also wirklich bekommen haben ist mehr Zentralisierung, mehr Kontrolle und weniger Autonomie. Ich glaube aber nicht, dass dies eine Eigenschaft der Technologie an sich ist. Ich denke, dies ist eher das Ergebnis eines Missbrauchs der digitalen Technologie im Rahmen der Monopolisierung der Netzwerke seitens einiger weniger Konzerne, die noch nie nur unser Bestes im Sinn hatten.

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