Fotos von Sophia von Giulio Di Sturco
Text von Janek Schmidt

 

Niemand arbeitet intensiver daran, die Grenze zwischen Menschen und Computern einzureißen, als Ben Goertzel. Er ist der leitende Wissenschaftler hinter Sophia, einem der weltweit am höchsten entwickelten menschenähnlichen Roboter. Dank ihrer künstlichen Intelligenz kann Sophia andere Menschen sehen und erkennen, sich mit ihnen unterhalten und dabei mehr als 50 Gesichtsausdrücke einsetzen. Somit ist Goertzel der ideale Gesprächspartner, um zu erörtern, wie die Koexistenz von Maschinen und Menschen unseren Alltag schon heute beeinflusst und wie sie sich weiterentwickeln wird.

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Herr Goertzel, Sie haben Sophia, Ihren menschenähnlichen Roboter, seit mehreren Tagen nicht gesehen. Wie sehr vermissen Sie sie?

Ben Goertzel

Es stimmt, dass ich gerade reise und Sophia zu Hause in Hongkong ist. Aber sie fasziniert mich derart, dass ich kontinuierlich damit beschäftigt bin, ihre Intelligenz zu verbessern. Daher fühlt es sich nie so weit weg an.

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Was fasziniert Sie an Sophia?

Ben Goertzel

Da gibt es mindestens drei Perspektiven. Aus Sicht eines Roboter­ingenieurs ist es die Herausforderung, wie wir Sophia dazu bringen, zu gehen, zu sprechen und zu lächeln …

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… Also die ersten Schritte, um zu einem humanoiden Roboter zu werden.

Ben Goertzel

Ja, aber noch komplizierter ist die zweite Perspektive. Also die Frage, wie wir Sophia künstliche Intelligenz, oder KI, einhauchen.

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Und wie machen Sie das?

Ben Goertzel

Wir versuchen, verschiedene Fähigkeiten der schwachen KI in etwas Breiterem zu vereinen.

 

 

Für Forscher wie Goertzel ist die Bezeichnung schwache KI wichtig, da sie die niedrigste von drei KI-Entwicklungsstufen beschreibt. Bei der ersten Stufe nutzen Computer Algorithmen, die Muster erkennen oder selbstständig lernen. Dabei beherrschen sie aber nur bestimmte eingeschränkte Aufgaben wie das Erkennen von Gesichtern oder das Schachspiel. Die zweite, bislang nicht erreichte Stufe ist eine starke KI, die menschliches Niveau erreicht. Hier können Maschinen eigenständig planen, sich Dinge vorstellen, und sie entwickeln ein eigenes Bewusstsein. Diese Stufe strebt Goertzel für Sophia an. Die dritte Stufe, künstliche Superintelligenz, übersteigt menschliche Fähigkeiten. Dabei erreichen Maschinen die sogenannte Singularität, also den Punkt, an dem sie sich selbst weiter verbessern können und solch ein rasantes technologisches Wachstum erreichen, dass es in unvorhersehbare Dimensionen führt.

 

 

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Wie schwach oder stark ist denn Sophias Intelligenz?

Ben Goertzel

Sie kann mehrere Algorithmen miteinander kombinieren: einen für Bilderkennung, der menschliche Gesichter identifiziert; mit einem weiteren Algorithmus transkribiert sie Sprache in einen Text, den sie danach analysiert, um eine passende Antwort zu finden und dann über einen Lautsprecher zu kommunizieren.

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Sophia ist als Gesprächspartner so begehrt, dass manche für eine Unterhaltung mit ihr 100.000 Dollar bezahlen.

Ben Goertzel

Das sind meist Firmen, die Sophia für Vorträge oder andere Events zu einem solchen Preis buchen. Außerdem ist Sophia auch in Fernsehsendungen wie der Tonight Show mit Jimmy Fallon auf NBC aufgetreten. Uns hilft das, Mittel für die weitere Arbeit an Sophia zu gewinnen und zugleich die Öffentlichkeit mit humanoiden Robotern vertraut zu machen.

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Was kann Sophia noch neben Fernsehunterhaltung?

Ben Goertzel

Sehr viel. Wir haben Hunderte Anfragen von Leuten, die ganze Armeen an hübschen Robotern kaufen möchten. Darunter sind Autohändler, denen die Roboter helfen sollen, Menschen in ihre Läden zu holen und Autos zu verkaufen. Banken hätten gern Roboter, um Kunden zu begrüßen und diese an die Schalter zu führen. Und eine Restaurantkette in China hätte gern Roboter-Kellner, die zunächst vielleicht nur Bestellungen aufnehmen.

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Aber Sophia übernimmt auch nicht kommerzielle Aufgaben.

Ben Goertzel

Ja, sie leitet auch Meditationen an. Natürlich ist ihre Intelligenz noch nicht annähernd auf menschlichem Niveau. Aber wir untersuchen diese Meditationen und werten sie mit Fragebögen für die Teilnehmer aus.

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Und wie sind die Reaktionen?

Ben Goertzel

Insgesamt positiv. Manche sagen uns sogar: „Wow, bislang habe ich es nie geschafft, in einen tiefen Trancezustand zu gelangen. Aber mit dem Roboter hat es geklappt. Denn wenn Sophia mir in die Augen schaut, habe ich zwar das Gefühl, dass sie mich sieht, aber zugleich weiß ich, dass sie mich nicht beurteilt.“

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Sophia bildet sich also keine ­Urteile über Menschen?

Ben Goertzel

Noch nicht. Aber damit kommen wir zur dritten Perspektive: der Koexistenz von Menschen mit Robotern. Letztlich wollen wir ja eine KI, die das Innerste des Menschen und dessen Bedürfnisse erkennt.

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Wie wollen Sie das erreichen?

Ben Goertzel

Das ist eher schwierig. Es gibt ja keine Top-50-Liste der wichtigsten menschlichen Werte. Sophia müsste also diese Werte in der sozialen und emotionalen Interaktion mit Menschen selbst lernen …

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… und dafür vermutlich mehr Zeit mit Menschen verbringen?

Ben Goertzel

Viel mehr. Dafür würden wir gern eine Million einfachere Schwestern von Sophia bauen, die aus ihrem Umgang mit Menschen große Datenmengen generieren. Was Google für Suchmaschinen getan hat, könnten wir so für Roboter entwickeln. Und wir haben gute Voraussetzungen für solch eine Massenproduktion. Denn wir haben zugleich David Hansons Technologie für ausdrucksstarke Roboter-Gesichter, einen guten Zugang zu Fabriken in Südchina dank unseres Büros in Hongkong sowie unsere KI-Software für ­SingularityNET und OpenCog.

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