Prolog
aus
Design as an Attitude.

 

 

 

Das neue Jahr begann nicht gut. Nachdem er sich bei seinen Bemühungen, eine neue Designschule in Chicago zu eröffnen, schon seit sechs Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten und politischen Konflikten herumgeschlagen hatte, sah sich László Moholy-Nagy Anfang 1945 zum wiederholten Male im Streit mit dem Verwaltungsrat. Dieses Mal ging es um die zu geringen Schülerzahlen. Außerdem musste er ein neues Schulgebäude finden, da der Mietvertrag für das derzeitige Gebäude in diesem Frühling enden würde   durchaus eine Herausforderung. Die erste Schule, die Moholy-Nagy in Chicago eröffnet hatte, musste nach etwas mehr als einem Jahr schließen, und nun drohte der zweiten das gleiche Schicksal. Letztlich aber gelang es ihm, den Verwaltungsrat zu überzeugen. Die Schule überlebte, aber Moholy-Nagy selbst zahlte für den Kampf, sie zu retten, einen schrecklichen Preis.

 

 

 

Der Künstler hatte gehofft, dass er 1945 nicht nur seinen 50. Geburtstag feiern, sondern auch endlich mehr Zeit finden würde, um an seinem Buch über die visuelle Theorie weiterzuschreiben, das er zwei Jahre zuvor begonnen hatte. Die Probleme der Schule erwiesen sich jedoch als so verhängnisvoll, dass Moholy-­Nagys Tage angefüllt waren mit Unterrichten und Verwaltungsarbeiten. An den Abenden hatte er zudem unzählige gewerbliche Designprojekte zu bearbeiten, mit denen er den Lebensunterhalt seiner Familie bestritt. So konnte er sich nur an den Wochenenden einige wenige Stunden frei halten, um an seinem Buch weiterzuschreiben. Moholy-Nagys schwere Erkrankung im Herbst 1945   bei ihm wurde Leukämie diagnostiziert   verschlimmerte das Ganze noch. Selbst nach seiner Einweisung ins Krankenhaus drängte er seine Frau Sibylle, ihm bei ihren Besuchen Portfolios mit Fotografien, Zeichnungen und Notizen mitzubringen, damit er zwischen Bluttransfusionen, Injektionen und Röntgenaufnahmen an den Layouts arbeiten konnte.

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Kurz vor Weihnachten wurde Moholy-Nagy aus der Klinik entlassen und nahm im folgenden Monat seine Arbeit an der Schule wieder auf. Im Frühling und Sommer des nächsten Jahres nutzte er jeden Moment, um sein Buch fertigzustellen. Sein Gesundheitszustand aber verschlechterte sich immer weiter und er starb am 24. November 1946. Sein Buch Vision in Motion (deutscher Titel: Sehen in Bewegung) wurde im darauf folgenden Jahr veröffentlicht. Niemand, der das Buch liest, kann ahnen, was für ein schreckliches Martyrium der Autor beim Verfassen seines Werkes auf sich nahm. Es ist ein Manifest seiner Vision von Design, Kunst, Technologie und kreativer Ausbildung sowie deren Rollen in der Gesellschaft. Die Zusammenfassung der Ideen und Beobachtungen eines bemerkenswert begabten und dynamischen Menschen. Eines Künstlers, der in seinem Herkunftsland Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg die Geburt des Konstruktivismus erlebte, in den 1920er Jahren in Deutschland die Blütezeit der Bauhaus-Bewegung und in den 1930er Jahren das Aufkommen des Modernismus   zuerst in Großbritannien, dann in den Vereinigten Staaten von Amerika. Obwohl Moholy-Nagy bereits schwer krank war, als er Vision in Motion verfasste, ist das ganze Buch erfüllt von seiner Energie und seinem Optimismus, insbesondere seinem Glauben an die Transformationskraft des Designs. Moholy-Nagy war überzeugt, dass Design die Welt verbessern kann.

 

 

 

Diese vielschichtige und ermutigende Vorstellung von Design sowie die leidenschaftliche Überzeugung, dass es zum Nutzen der Gesellschaft wäre, wenn sie eine offenere und fortschrittlichere Einstellung zum Design hätte, fasst Moholy-Nagy im zweiten Kapitel seines Buchs Vision in Motion mit folgenden Worten zusammen: „Gestaltung ist kein Beruf, es ist eine Einstellung.“ Zwar klingt diese Aussage mit Blick auf die Gestaltung heute ein wenig verwunderlich, aber ich habe diesen Satz schon immer geliebt. „Die Vorstellung von Design und dem Beruf des Designers muss sich wandeln, weg von einer reinen Fachfunktion und hin zu einer allgemein gültigen Einstellung, geprägt von Einfalls­reichtum und Erfindungsgeist, die es uns ermöglicht, Projekte nicht isoliert zu sehen, sondern bezogen auf die Bedürfnisse des Einzelnen und der Gemeinschaft“, schrieb Moholy-Nagy. „Letztendlich verbinden sich alle Designschwierigkeiten zu einem einzigen großen Problem: dem ‚Design for Life‘ (Design für das Leben). In einer gesunden Gesellschaft ermutigt das ‚Design for Life‘ jeden Berufsstand, jeden Beruf dazu, seinen Part zu übernehmen. Denn jede Zivilisation zieht ihre Qualität aus dem Grad, in dem sich die Menschen mit ihrer Arbeit identifizieren.“

 

 

 

Diese Befreiung des Designs aus den Zwängen der beruflichen Funktion, die ihr seit der Zeit der industriellen Revolution zugeschrieben wurde, sowie die Definition des Designs als Improvisationsmedium, das jedem offensteht und in Instinkt, Genialität und Findigkeit verwurzelt ist, war ganz typisch für Moholy-Nagy. Er war furchtlos, großzügig, subversiv und unbändig neugierig und ist darum eine meiner Lieblingsfiguren der Designgeschichte. Wer könnte dem ausgewanderten Künstler und Intellektuellen widerstehen, der, um seine Leidenschaft für die Technik zum Ausdruck zu bringen, beim Unterrichten am Bauhaus einen Blaumann trug wie die Fabrikarbeiter und den Frauen dort erlaubte, das zu studieren, was sie wollten    auch Fächer, die bis dato den Männern vorbehalten waren? Und wer würde nicht den Mut Moholy-Nagys nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten bewundern? Zwar trug er nun immer Anzug, aber seine Ansichten waren so radikal wie eh und je. Dies zeigte sich vor allem daran, dass er in seiner Designschule in Chicago auch Afroamerikaner aufnahm, und das zu einer Zeit, als das Bildungssystem der Stadt noch sehr stark von einer strengen Segregation geprägt war. Unabhängig davon, wo Moholy-Nagy lebte, und ungeachtet seiner persönlichen Umstände bewahrte er sich stets seine Experimentierfreudigkeit    von seiner Pionierarbeit mit den damals neuen Medien Film und Fotografie über die Untersuchung ihrer Wirkung auf die visuelle Kultur bis hin zu allen anderen Aspekten des täglichen Lebens.

 

 

 

Dass Moholy-Nagy Design als Einstellung sah, lag in seinem jugendlichen Engagement für die konstruktivistische Bewegung begründet. Diese hatte er als junger Künstler unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Budapest kennengelernt. In den Werken der ursprünglichen Konstruktivisten spielte Design eine zentrale Rolle. Die Konstruktivisten, eine Gruppe avantgardistischer russischer Künstler, Schriftsteller und Intellektueller, darunter Alexander Rodtschenko, seine Frau Warwara Stepanowa sowie ihre Freunde Aleksej Gan, El Lissitzky und Ljubow Popowa, trafen sich in den letzten Kriegsjahren, um Gedanken auszutauschen und die Veränderung der Gesellschaft zu planen. Sie glaubten daran, dass Künstler, Designer und Wissenschaftler mit der Industrie zusammenarbeiten sollten, um, wie Popowa es ausdrückte, neue Dinge für ein neues Leben zu schaffen und so eine bessere und gerechtere Gesellschaft zu begründen. Diese Ansicht teilten auch die Sympathisanten der Konstruktivisten, die Moholy-Nagy traf, als er in den frühen 1920er Jahren in Wien und Berlin lebte.

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