Fotos: von Aï Barreyre
Text: von Silke Bender

 

Junya Ishigami baut Häuser ohne Dächer, ohne Wände. Er gräbt sie tief in die Erde, oder er zieht Beton- und Metallkonstruktionen in den Himmel, die dennoch federleicht wirken. Er lässt tonnenschwere Dächer ohne Stützen schweben, und er macht Architektur unsichtbar. Freeing Architecture lautet der programmatische Titel der Ausstellung, mit dem die Fondation Cartier Paris dem außergewöhnlich begabten Baukünstler aus Tokio nun die ganz große Bühne gibt. Es ist die erste Ausstellung in der Geschichte des Hauses überhaupt, die dem Werk eines einzigen Architekten gewidmet ist. Für die Inszenierung der gesamten Ausstellung im gläsernen Jean-Nouvel-Gebäude bekam der erst 44-Jährige    für einen Architekten ein geradezu jugendliches Alter    die Carte blanche.

Viel Ehre und viele Vorschusslorbeeren für einen jungen Baumeister, der noch nicht allzu viele vollendete Projekte vorweisen kann. Die meisten seiner Großaufträge, die im Pariser Museum bereits anhand minutiös gefertigter Modelle, Zeichnungen, Videos und Renderings zu erleben sind, befinden sich noch in der Konstruktionsphase: die Renovierung des Polytechnischen Museums in Moskau zum Beispiel, dem er zu einem neuen Erdgeschoss verhilft, es ihm geradezu unterschiebt. Der Cloud Arch in Sydney, eine 60 Meter hohe geschwungene Stahlbandskulptur, die leicht wie ein Pinselstrich in den blauen Himmel der Küstenmetropole ragen wird. Das House of Peace in Kopenhagen    eine auf der Ostsee schwebende Wolke    , unter dessen Wölbungen die Besucher, auf Booten schippernd, zur Meditation eingeladen werden. Oder die spektakuläre Chapel of the Valley im chinesischen Shandong-Tal, ein ökumenischer Andachtsraum der -Superlative: 45 Meter hoch und nur 1,30 Meter breit, schmal wie ein gekrümmter Papierbogen, reckt sich die fensterlose Betonwand in die Höhe und formt eine neue, eigene Schlucht in der Landschaft    ohne Dach, offen für den Blick in den Himmel und dafür, was er als Wind, Sonne und Regen für die Erde bereithält.

Ishigami befreit die Architektur buchstäblich von ihren Zwängen, öffnet ihre Grenzen bis hin zur Land Art, zur Poesie, zur Philosophie und zum Utopismus, wobei er die Gesetze der Schwerkraft bis zum Äußersten treibt. 2007 verblüffte er die Besucher des Museums für zeitgenössische Kunst in Tokio, weil er dort einen fünf Stockwerke hohen tonnenschweren heliumgefüllten Quader wie einen Luftballon im Foyer schweben ließ    nur mit einem leichten Stoß des Zeigefingers in Bewegung gesetzt. Kurz zuvor präsentierte er als Möbeldesigner in einer Kunstgalerie in Tokio einen filigranen Zaubertisch: Die fast zehn Meter lange Stahlplatte war nur drei Millimeter dick und bog sich trotzdem nicht unter der Last des Geschirrs.

 

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WER IST ISHIGAMI?

Der neue Magier unter den Architekten, der zurzeit so heterogene Werke schafft wie kaum ein anderer und der bewusst auf formale Wiedererkennungsmerkmale verzichtet, ist selbst außerordentlich stilbewusst. Zum Interview erscheint er, wie bei jedem seiner öffentlichen Auftritte, wie aus dem Ei gepellt. Ein schmaler, diskreter Mann, vom Hut über das Jackett bis zur Ultra-Skinny-Jeans meist in Saint Laurent, eine Mischung aus Dandy und Rockstar    ganz so, als hätte ihn Saint Laurents einstiger Designer Hedi Slimane persönlich gestylt.

1974 in der Präfektur Kanagawa nahe Tokio geboren, studierte Junya Ishigami Architektur an der Kunsthochschule Tokio, bevor er im Jahr 2000 im renommierten Büro SANAA seine Karriere begann    unter den Fittichen der Pritzker-Preisträger Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa. Nur vier Jahre später machte er sich mit junya.ishigami+associates selbstständig. Zu seinen viel beachteten Erstlingswerken gehören die 2008 vollendeten Werkhallen des Kanagawa Institute of Technology, kurz KAIT-Workshop: ein komplett verglastes, schwerelos wirkendes Gebäude, das anmutet wie ein künstlicher Wald. Es besteht aus 308 extrem dünnen Metallstützpfeilern, von denen keiner dem anderen gleicht. Sie scheinen willkürlich angeordnet zu sein, wie Bäume in einem Wald, sind statisch, aber so präzise kalkuliert, dass sie die gesamte Gebäudekonstruktion halten    als würde man ein Dach auf Mikadostäbe legen. 2010 erhielt Ishigami auf der Architekturbiennale von Venedig den Goldenen Löwen, doch erst jetzt nimmt seine Karriere so richtig Fahrt auf.

 

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Herr Ishigami    bauen Sie Utopien, Poesie oder einfach nur Architektur?   Junya Ishigami   In meinen Werken spiegeln sich meine persönlichen Werte, doch die Lösungen, die ich entwickle, liegen außerhalb meiner selbst. Ich möchte die Umgebung, in der sie entstehen, verbessern.

Wie kamen Sie zur Architektur?   Junya Ishigami   Ganz ehrlich    ich weiß es nicht. Niemand sonst bei uns in der Familie ist Architekt. Meine Berufung entstand ganz natürlich, ohne spezifischen Grund. Eigentlich entwickelte sich mein tieferes Interesse erst langsam während meines Studiums.

Die meisten Architekten scheint der Wunsch anzutreiben, die Welt nach ihrem Stil zu formen. Sie scheinen das Gegenteil zu wollen. Sind Sie gegen Label-Architektur?   Junya Ishigami   Ich möchte die Arbeit anderer nicht bewerten, aber meine Philosophie ist, dass die Umgebung, in der ein Gebäude entsteht, wichtiger sein sollte als das Gebäude selbst. Ein persönlicher Stil ist geprägt von einer bestimmten Kultur und Gesellschaft, und man sollte diesen nicht wie ein Passepartout anderen Ländern und Umgebungen aufdrücken, sondern sich davon befreien. 80 Prozent meiner Projekte werden im Ausland realisiert, und ich möchte sowohl die Kultur und die Werte meiner Klienten als auch die Umgebung, in der die Bauten entstehen, individuell berücksichtigen. Es gibt für mich keine Prototypen-Architektur mehr, keine One-fits-all-Lösung. Das war die Idee der modernen Architektur, und das hat zu einer tiefen Entfremdung geführt.

Was Sie für die Architektur ablehnen, scheint Sie in der Mode nicht zu stören. Da mögen Sie offenbar französische Designerlabels ...   Junya Ishigami   Fashion und Architektur sind verschieden, aber verbunden dadurch, dass sie sich auf den Menschen beziehen. Für beide Disziplinen gilt jedoch: Ihr Konzept, ihr Design muss sich zwar auf den Nutzer beziehen, aber auch über ihn hinausweisen. Ein Kleidungsstück, das ausschließlich deine Persönlichkeit ausdrückt, ist nicht unbedingt auf der Straße tragbar. Genauso sollte Architektur nicht allein Ausdruck des persönlichen Geschmacks sein. Meine Architektur ist eine Melange aus Erfahrungen und Werten, die ich mit denen von anderen zusammenbringe, bis ich finde, dass sich die Balance daraus gut und richtig anfühlt.

Gibt es ein spezifisches Gebäude, das Sie in Ihrem Leben besonders beeindruckt hat?   Junya Ishigami   Der Parthenon in Athen. Als ich das erste Mal die Akropolis besuchte, war ich so beeindruckt wie wohl die meisten. Selbst wenn vom Gebäude nicht mehr viel übrig ist und es nur noch als Ruine existiert, ist der Raum, den es definiert, immer noch sehr ausdrucksstark. Denn er wurde exakt für die Umgebung konzipiert, in der er steht, und dieser Effekt funktioniert noch immer, Jahrtausende später. Isoliert und erhöht auf einem Berg. Stünde er mitten in der Stadt, zwischen anderen Häusern, wäre er wohl nicht halb so beeindruckend.

 

 

 

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ISHIGAMIS ARCHITEKTUR IN ZEIT UND RAUM

Wer verstehen will, wie anders und frei Ishigami Architektur auffasst und was er genau darunter versteht, Gebäude in ein Verhältnis zu Zeit und Raum zu setzen, muss sich einfach die Modelle seiner Arbeiten in der Ausstellung anschauen. Eines seiner ungewöhnlichsten Projekte steht kurz vor der Vollendung: das Restaurant Noël in Yamaguchi, Japan. Es ist eine Art künstliche Höhle, bei der Ishigami das Prinzip des Bronzegusses auf die Architektur angewandt hat. Dafür ließ er Krater in die Erde bohren und mit Beton ausgießen. Die Erdmassen ringsum wurden dann von Hand abgetragen. Der auf diese Weise scheinbar organisch geformte Raum entsteht gewissermaßen aus der Negativform heraus    sein Dach ist gleichzeitig das Bodenniveau der Umgebung. Das 194 Quadratmeter große Gebäude soll als Restaurant und gleichzeitig auch als Wohnhaus des Betreibers dienen. Drei innere Höfe trennen den Wohn- und Geschäftsbereich. Lichtöffnungen im Dach und die aus Glastafeln bestehenden Außenwände schaffen lichtdurchflutete grottenähnliche Räume, die fast steinzeitlich wirken    der wohl extremste Gegensatz zu der modernen Architektur ringsum und dennoch kein Schock-effekt, da sich die Höhle ja in die Erde duckt und von der Straße aus gar nicht zu sehen ist.

 

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