Fotos: von Stephanie Füssenich
Text: von Sarah Dorkenwald

 

 

 

Eine neue Formensprache im Möbeldesign erwuchs schon immer aus der Weiterentwicklung industrieller Fertigungsmethoden. Paradebeispiel hierfür waren die Ende des 19. Jahrhunderts entworfenen Bugholzmöbel des Unternehmens Thonet, bei denen massive Buchenholzstäbe durch den Einfluss von Dampf und Druck in nahezu jede geschwungene Form gebogen wurden. Diese neuartige Fertigungsmethode verlieh den Produkten eine einzigartige Ästhetik, die für den Aufbruch in die Moderne stand. Auch den Niederländer Dirk Vander Kooij könnte man als einen der Pioniere im Möbeldesign bezeichnen, da er die Möglichkeiten des 3D-Drucks und der Robotik miteinander verknüpfte und für die Herstellung von Möbelstücken salonfähig machte. Sein Markenzeichen sind dabei voluminöse, skulptural anmutende Unikate aus im Schichtverfahren gedruckten farbigen Kunststoffen.

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Alles begann 2009, als Dirk Vander Kooij seinen Abschluss an der Design Academy Eindhoven plante und sich hierfür als Partner einen riesigen Roboterarm aus der Industrie wählte. Ziel war es, sein Werkzeug so umzufunktionieren, dass es gigantische Objekte aus recyceltem Material extrudieren konnte. Für sein Diplom musste er diesen Prozess noch simulieren zu kurz war die Zeit, die ihm für die Entwicklung zur Verfügung stand. Er gestaltete von Hand einen Stuhl aus geschmolzenem Plastik, der das Verfahren und die Ästhetik eines im 3D-Druck entstandenen Objektes imitierte. Entsprechend elaborierter, kleinteiliger und komplexer, fast wie geknotet wirkte der erste aus Kunststoffschnüren gefertigte Stuhl. 2011 hatte er es dann geschafft: Es gelang ihm, seine Kollektion Endless mit dem weltweit ersten Roboter, der zu 100 Prozent recycelte Möbel aus dem 3D-Drucker produzieren konnte, industrietauglich zu machen.

Um mein eigenes Werkzeug zu entwerfen, kombinierte ich verschiedene Maschinen. Der Roboterarm existierte schon und wurde unter anderem in der Autoindustrie verwendet, aber nicht für den 3D-Druck, erklärt Vander Kooij. Der Möbeldesigner kaufte zusätzlich einen Extruder für Spritzgussverfahren, den er umbaute, damit er für seine Zwecke funktionsfähig war. Der umgerüstete Industrieroboter trägt dabei Schicht für Schicht des fein geschredderten und geschmolzenen Kunststoffs auf, der aus dem Inneren ausrangierter Kühlschränke stammt. Wie aus einer riesigen Zahnpastatube gedrückt, fügt sich die geschmeidige, endlose Plastikwurst innerhalb von drei Stunden zu einem extravagant anmutenden, kantig-korpulenten, linienartigen Objekt. Ähnlich den Jahresringen der Baumstämme lässt es sein Wachsen erkennen. Die Jahresringe im Holz zeigen, wie der Baum wächst; das Stapeln der Kunststoffschnüre ist genau das Gleiche. Ich wollte es zeigen, anstatt es zu verstecken.

Neben der neuen Formensprache, die daraus entstand, birgt das Verfahren weitere Vorteile im Vergleich mit herkömmlichen Herstellungsprozessen, wie zum Beispiel dem Spritzgussverfahren: Das Möbelstück kann jederzeit modifiziert werden, ohne dass neue Werkzeuge dafür hergestellt werden müssen. Die Maschine lässt sich für alle erdenklichen Formen und Größen programmieren, sodass sie ­eine Vielzahl von Produkten fertigen kann. Es muss ­also nicht aus Gründen der Rentabilität in großer Stückzahl produziert werden.

Mit digitalen Gestaltungsprozessen an der Schnittstelle von Entwurf, digitaler Übersetzung und dreidimensionalem Output befassten sich auch andere Designer.

Oliver Vogt und Hermann Weizenegger setzten schon 2002 mit ihrem Sinterchair ein Statement für individualisierte Herstellungsprozesse. Die Idee war, mithilfe eines Fragebogens die Musikvorlieben oder auch die Lieblingsautoren des künftigen Nutzers in Erfahrung zu bringen. Algorithmen werteten die Ergebnisse aus und übertrugen sie in einen computergesteuerten Stuhlentwurf, der wiederum mithilfe der Sintertechnik ein Verfahren, das zuvor bereits bei der Prototypenfertigung in der Automobil- und Flugzeugindustrie verwendet wurde in ein dreidimensionales Objekt übersetzt werden konnte. Dies geschah, indem die Konturen des Stuhls aus einem Block Nylonpulver Stück für Stück ausgeschnitten wurden. Neu daran war, dass der Konsument gezielt in den Mittelpunkt des Entwurfsprozesses rückte und dass durch die Produktion von Unikaten die Neben­effekte der Serienproduktion wie Vertriebs-, Lager- und Modellkosten wegfielen.

Die schwedischen Designerinnen von Front Design konzipierten 2007 die Marke Sketch Furniture. Dabei untersuchten sie, inwieweit es möglich ist, die Zeichnung eines Stuhls oder Tischs, lediglich als Gesten in die Luft gemalt, mittels neuer digitaler Technologien wie Motion Capture und Rapid Prototyping in ein 3D-Objekt zu übersetzen. Das Ergebnis ist verblüffend: weiß glänzende und originelle Möbel-Skulpturen, geformt aus dicken, pastös und räumlich zähflüssig wirkenden Linien. 2015 auf der Cebit zeigte die interaktive Installation des Designerduos Kram Weisshaar erstmals, inwieweit intelligente Produktionssysteme in Zukunft Besucher dazu befähigen könnten, mithilfe der Robotik ein Produkt selbst zu entwerfen und herzustellen. Aus Schaumstoff­kuben entstanden dabei von Besuchern definierte Formen, die der Roboter mit einem Glühdrahtschneider herausschnitt.

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