BERT VAN SON, DER GRÜNDER VON MUD JEANS, IST VIEL UNTERWEGS, DENN ER KÄMPFT FÜR EINE VISION   EINE WELT OHNE MÜLL.

 

BEREITS 2012 HAT ER EIN TEXTILUNTERNEHMEN AUF DEN PRINZIPIEN DER CIRCULAR ECONOMY GEGRÜNDET. „WAS WÄRE, WENN WIR ALLE UNSEREN EIGENEN MÜLL AUFRÄUMEN?“ HEISST ES AUF DER WEBSITE VON MUD JEANS UND MAN AHNT, WELCHE VISION DAS HOLLÄNDISCHE UNTERNEHMEN ANTREIBT, DAS IN PUNCTO NACHHALTIGKEIT UND SOZIALE VERANTWORTUNG ETWAS BEWEGEN MÖCHTE.

 
Fotos von Sigrid Reinichs
Text von Sarah Dorkenwald

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Der Holländer Bert van Son hat 30 Jahre, sowohl in Asien als auch Europa, in der Modeindustrie gearbeitet, bevor er 2012 MUD Jeans gründete. Dass diese Branche keineswegs nur glamourös ist, sondern viel, vor allem von den Fabrikarbeitern, die die Kleidung herstellen, sowie der Natur abverlangt und sich hier dringend etwas ändern muss, wurde dem erfolgreichen Geschäftsmann bald klar. Gemeinsam mit seinem Team verwandelte er MUD Jeans in ein Vorzeigeunternehmen, das die Prinzipien der Circular Economy durch und durch verwirklicht und für sein anerkanntes Engagement bereits mehrere Preise, wie den Sustainability Leadership Award und den Peta Vegan Award, gewonnen hat.

ALMERE   NIEDERLANDE

 

 

 

 

LEASE A JEANS   EINE SIMPLE IDEE MIT SEHR VIEL POWER

MUD ist anders. MUD möchte nämlich jede Jeans zurückhaben, die eigenen und die anderen, die, die schon lange ungeachtet im Kleiderschrank liegen oder die, die sonst auf dem Müll landen, denn für das Start-up ist jede Jeans aus wertvollem Rohmaterial, das es gilt zurückzugewinnen und für neue Jeanshosen zu recyceln. Und deswegen heißt das Motto auch „Lease a Jeans“. Warum sollte, was für ein Auto oder eine Waschmaschine funktioniert, nicht auch für das meistgetragene Kleidungsstück der Welt möglich sein? Um die 3.000 Mieter gibt es monatlich, die ein Jahr lang eine Hose mieten, die sie nach Ablauf des Leasingvertrags entweder behalten, gegen eine neue tauschen und weiterleasen oder gegen einen Gutschein zurücksenden. Ein Drittel des Geschäfts wird bei MUD online generiert, davon sind die Hälfte Kunden, die mieten statt kaufen, Tendenz steigend. Aber auch die MUD-Shops und -Händler nehmen die begehrte Ware   auch anderer Marken   zurück, solange sie aus 96 Prozent Baumwolle besteht, und erlassen 10 Prozent Rabatt beim Neukauf.

 

„... und so fing alles vor fünf Jahren an“, erzählt Bert aus dem Auto heraus, irgendwo zwischen Belgien und Holland. Seine Generation habe die Linearwirtschaft erfunden. Eine Glühbirne von Philips beispielsweise könne 100 Jahre halten, aber das sei nie erstrebenswert gewesen. Alles sei darauf ausgerichtet, so viele Produkte wie möglich zu verkaufen. Dass dabei wertvolle Rohstoffe verbraucht werden, die hinterher ungenutzt im Abfall enden, wird mittlerweile als Problem erkannt. „Wir müssen es besser machen“, betont Bert und liefert die Lösung gleich hinterher: „Die Kreislaufwirtschaft ist ein großartiges Konzept. Wir können weiterhin schöne Dinge produzieren, ohne dabei unsere Erde zu zerstören.“ Auch Philips definiert wirtschaftlichen Erfolg mittlerweile neu. Statt weiterhin primär auf den Verkauf von Leuchtsystemen zu setzen, hat das Amsterdamer Unternehmen gemeinsam mit dem Architekten Thomas Rau das Pilotprojekt „pay per lux“ gestartet, bei dem Licht nicht mehr als Produkt, sondern als Service verstanden wird. Die Architekten zahlen für das Licht als solches, während der Leuchtmittelhersteller die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellt sowie die Wartung übernimmt. Da das physische System bei Philips bleibt, kann es konstant weiterentwickelt und optimiert werden   eine Win-win-Situation für beide Parteien.

 

 

 

 

FAST-FASHION

Bert van Son ist ein gestandener Businessman und alter Hase in der Branche. Ihm kann man keine Storys erzählen. Er kenne alles, betont er, auch die Fabriken in Bangladesh, voll mit Kindern. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre ging er, gerade mal 23 Jahre jung, nach Taipeh, um in der Textilindustrie zu arbeiten. Nach drei Jahren China folgten drei Jahre Hongkong, dann Paris. Er gründete seine erste eigene Firma im Norden Frankreichs. Später lebte er in Belgien. Die vergangenen zehn Jahre besaß er eine Lizenzfirma für T-Shirts und Pyjamas mit Disney-Label. 30 Jahre sei er unterwegs gewesen und erst seit ein paar Jahren zurück in Holland, wo er sich manchmal wie ein Fremder vorkomme. In diesen Jahrzehnten habe sich die Bekleidungsindustrie enorm gewandelt. Als er anfing, habe jeder zwei bis drei Hemden und Hosen im Schrank gehabt und das sei’s gewesen, erzählt Bert und erläutert: „Kleidung war eher nützlich als modisch. Heute ist sie ein Statussymbol. Die Produktion ist explodiert.“

Dass Kleidung immer billiger wird, ist ein Riesenproblem und setzt falsche Anreize. Konsumenten kaufen mehr, als sie benötigen. Im Schnitt schmeißt jeder im Jahr 32 Kilo Textilien weg. Jährlich werden 25 Millionen Tonnen Virgin Cotton gewonnen und für die weltweite Produktion von Textilfasern 3,8 Trillionen Liter Wasser verbraucht. 

Was tun? Recycelte Baumwolle müsste günstiger sein als neu produzierte und nicht anders herum, um eine zirkulare Wirtschaft attraktiv zu machen und um die wahren Kosten abzubilden. Das ist aber nicht der Fall–noch nicht. „Dass wir nur die Kosten für den Energieverbrauch und die Arbeitskräfte bei der Herstellung des Produktes berücksichtigen und nicht die Kosten der Umweltverschmutzung oder des Wasserverbrauchs bei der Gewinnung des Rohstoffs, ist einer der großen Trugschlüsse unseres Systems“, erläutert Bert. Und, wohl wahr, würde die Belastung der Umwelt und die Ausbeutung der Natur besteuert werden, wäre ein Umlenken wahrscheinlich schneller herbeigeführt. Und so ist auch die Biobaumwolle teurer statt günstiger. Dabei ist es für die Farmer nicht einfach, Organic Cotton herzustellen. Wer umstellen möchte, muss zwei bis drei Jahre warten, bis er den Boden wieder bewirtschaften kann, und oft finden sich dann immer noch Spuren von Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Erde und somit auch in der Ernte, da der Anbau dieser anspruchsvollen Pflanze zu den pestizidintensivsten zählt. Gerade mal ein Prozent des weltweiten Baumwollanbaus ist biologisch. Was wäre, wenn die Hersteller von chemischen Pflanzenschutzmitteln für das Aufbereiten verseuchter Böden und kontaminierten Wassers einen Beitrag zahlen müssten? Dabei generieren sie 25 Prozent ihres Marktes genau hier, im Baumwollbusiness–noch scheint es sich zu lohnen.

 

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