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SARAH DORKENWALD

 

 

 

DIE ENTWICKLUNG DER VOM MENSCHEN MANIPULIERTEN NATUR  WIE NUTZPFLANZEN UND NUTZTIERE  IST DIAMETRAL ZUR ENTWICKLUNG DER VOM MENSCHEN INITIIERTEN SYSTEME  WIE FINANZWELT ODER VERKEHR  DIE NICHT MEHR KALKULIERBAR SIND UND IM GEGENSATZ DAZU NATÜRLICHE SYMPTOME ZEIGEN.  BEIM SPEKULATIVEN DESIGN WERDEN AUF BASIS VON IMAGINATION UND SPEKULATION WEITSICHTIGE POSITIONEN FÜR DIE ZUKUNFT ENTWORFEN.

 

Illustrationen von KAROLINA KORYL

 

 

 

Die Designstudentin Pauline Alt hat einen aus Kunststoffschichten bestehenden Faustkeil entworfen und dabei eine durch jahrhundertelange klimatische Einflüsse und geologische Prozesse bewirkte Transformation des Plastikmülls hin zum Bestandteil von Erdschichten imitiert. Kunststoff wäre durch diese Transformation in ferner Zukunft ein natürlicher Rohstoff, der für die Herstellung von Produkten abgebaut und verwertet werden könnte. Ihr Designobjekt steht für eine spekulative Auseinandersetzung mit den menschlichen Hinterlassenschaften und deren Einflüssen auf unsere Umwelt sowie mit der Frage, was künstlich und was bereits natürlich ist. Man könnte den neuen Faustkeil auch als Symbol für ein erweitertes Naturverständnis begreifen, bei dem alles, egal ob Lebewesen oder tote Materie, ob echt oder unecht, ob gestaltet oder natürlich, als Teil eines ganzheitlichen ökologischen Systems betrachtet wird.

 

Eine neue Generation von Designern steht für eine kritische Haltung gegenüber dem kapitalistischen Wertesystem, dem damit verbundenen Konsumverhalten und dem modernen Fortschrittsglauben, der zwangsläufig zu einem Konflikt zwischen Mensch und Natur führt. Anstatt technologiebasierte Lösungen für Umweltprobleme zu entwickeln, eröffnen sie mithilfe der Gestaltung von fiktiven und prototypischen Szenarien, Ordnungen und Systemen neue Blickwinkel und Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf den Umgang mit der Natur. Wohin uns diese spekulativen Herangehensweisen führen können und inwieweit sie unsere Vorstellungskraft hinsichtlich einer „Next Nature“ beflügeln, soll hier aufgezeigt werden.

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EVERYTHING NATURE

Der Autor John Thackara veranschaulicht in seinem Buch How to Thrive in the Next Economy: Designing Tomorrow’s World Today viele Grassroot-Projekte, die den Umgang mit Erde, Wasser, Nahrung, Kleidung, Mobilität und Gesundheit hinterfragen. Es geht um Soil Restorers, River Keepers, Seed Savers, De-pavers und Cloud Commuters, die er als die Signale einer neuen Geschichte bezeichnet. "Der Kern unserer heutigen Probleme liegt darin, dass keine Verbindung mehr zwischen der von Menschenhand gemachten Welt und der Biosphäre besteht, von der wir aber schließlich ein Teil sind. Entweder wir denken über Flüsse, Böden und Biodiversität überhaupt nicht nach oder wir behandeln sie wie verfügbare Ressourcen, deren einziger Zweck es ist, die Wirtschaft anzutreiben. Deshalb befürworte ich ein Design, das wieder Verbindungen herstellt   nicht nur zwischen Menschen, sondern mit allen möglichen ‚lebenden Systemen‘, von denen unser Leben abhängt", erklärt Thackara und glaubt, dass im Rahmen dieser Überlegungen neue Innovationsmöglichkeiten und Unternehmensformen wie die Instandsetzung von Flüssen oder das Urban Farming, Food Co-ops, Kollektivküchen, Gemeinschaftsessen, essbare Gärten, neue Distributionsplattformen   alles Möglichkeiten des Urban Designs   entstehen könnten. Die Chance der Veränderung liegt in der durchdachten Vernetzung sowie darin, Ressourcen wie Zeit, Wissen, Angebote und Bedürfnisse zu teilen. Designer, Künstler, Strategen und Aktivisten haben die Aufgabe, all diese Bits und Pieces sinnvoll zu verknüpfen, um gemeinsam Veränderung zu erzeugen. Das Ziel dabei ist, die Wirtschaft nach und nach von Grund auf so zu verändern, dass sie nicht mehr auf Wachstum basieren muss. „Wie wir vom Systemdenken gelernt haben, kann sich Transformation mit der Zeit still entfalten, als Summe von Veränderungen, Interventionen und kleinen Brüchen. In einem bestimmten Moment   der schwer vorherzusehen ist   wird ein Wendepunkt oder eine Phasenverschiebung erreicht, die das ganze System transformiert.“

 
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