Fotos: Matthias Ziegler
Text: Silke Bender

 

Zwei ungewöhnliche Reiter auf einem Pferd: Es mag auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, dass einer Architektin und einem Buchverleger 2014 die Leitung der Wohnlinie eines der renommiertesten Luxushäuser von Paris anvertraut wurde. Architektin Charlotte Macaux Perelman machte ihre Karriere vor allem im Hotel- und Restaurantdesign. Sie arbeitete für Philippe Starck sowie in den USA für David Rockwell und André Balazs. Seit 2005 führt sie ihr eigenes Studio CMP in Paris und New York. Alexis Fabry ist ein Experte für lateinamerikanische Fotografie und Kurator diverser Kunstausstellungen. Mit Toluca Editions gibt er hochwertige Kunstbände zu den Themen Fotografie, Design und Literatur heraus. Kein Headhunter wäre wohl auf die Idee gekommen, zwei eigentlich Fachfremde für die betreffende Position vorzuschlagen. Die Chefs von Hermès schon. Das traditionsreiche Unternehmen, seit 1837 in Familienhand, tickt anders. Der ehemalige Sattlerbetrieb hat seine Ursprünge im deutschen Krefeld, wohin die hugenottischen Vorfahren des Gründers Thierry Hermès einst geflohen waren. Dort ging dieser in die Lehre, bevor er in Paris sein erstes Geschäft eröffnete. Heute ist Hermès ein Global Player mit 308 Geschäften und 12.834 Mitarbeitern weltweit: Letztes Jahr verzeichnete die Firma einen Rekordgewinn von 1,1 Milliarden Euro. Und das obwohl oder gerade weil Hermès nicht wie andere börsennotierte Unternehmen in quartalsweiser Profitmaximierung denkt, sondern auf Langfristigkeit ausgerichtet ist. Eine Maxime, der sich auch Perelman und Fabry verpflichtet fühlen.

Im Showroom des Pariser Headquarters geben sie uns einen Einblick in ihr Designverständnis und die Philosophie des Hauses. Und langsam bekommt das Sonderbare eine innere Logik.

 

Hermès Maison
Das Familienunternehmen wurde 1837 als Sattlerbetrieb in Paris gegründet. Schon bald stellte es auch Koffer, Taschen und Reiseaccessoires her. Der Startschuss für die Hermès-Maison-Linie fiel 1928 mit dem damals als Minimalist gefeierten Innendekorateur Jean-Michel Frank. Dieser ließ seine Ledermöbel mit dem typischen „piqué sellier“, dem Sattlerstich, in den Ateliers des Hauses fertigen. Seit 1950 ergänzen textile Sport-Accessoires das Sortiment, 1984 kamen Keramik und dekorative Interieur-Objekte hinzu. 1986 kreierten die Innenarchitekten Réna Dumas und Peter Coles „Pippa“, eine Serie von nomadischen Klappmöbeln, die nun von Charlotte Macau Perelman und Alexis Fabry reeditiert wurden. Im Pariser Flagshipstore, 17 rue de Sèvres, ist heute ein Drittel der Verkaufsfläche, in der neuen Boutique in München eine ganze Etage dem Maison-Universum gewidmet.

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Charlotte Macaux Perelman
Alexis Fabry

Zuerst eine einfache Frage: Wie bekommt man eigentlich einen so begehrten Posten?

 

Charlotte Macaux Perelman

Wir wurden von Pierre-Alexis Dumas, dem Kreativdirektor des gesamten Hauses, und Axel Dumas, dem CEO, mit langem Vorlauf zum Mittagessen eingeladen. Alexis und ich rätselten dann monatelang, worum es gehen könnte. Da ich zuvor schon als Architektin privat für die Familie Dumas   außerhalb des Hauses Hermès   gearbeitet hatte, dachte ich zunächst nur an ein neues Projekt.

 

Alexis Fabry

Wir waren dann   gelinde gesagt   ziemlich überrascht. In meinem Fall war ein solcher Posten auch alles andere als naheliegend   ohne Charlotte im Tandem hätte ich mir das nicht zugetraut. Ich denke, es ist eher unsere persönliche Herangehensweise an unsere Arbeit gewesen, die sie auf uns aufmerksam gemacht hat: die Art, wie wir etwas tun, und nicht so sehr, was wir tun. Die innere Haltung, die hinter unserer primären Tätigkeit steht. Dieses Um-die-Ecke-Denken, das Vernetzen von kreativem Know-how, das oberflächlich betrachtet eigentlich nicht zusammengehört, ist für mich eine der Besonderheiten, der Stärken des Hauses.

Und   jubelt man dann sofort „Ja!“?

 

 

Charlotte Macaux Perelman

Nein, es gab Bedenkzeit und noch ein zweites Essen. Was die Entscheidung jedoch leicht für uns machte, war, dass Axel Dumas darauf bestand, dass wir unsere Firmen und Aktivitäten außerhalb des Hauses weiterführen und nicht in Vollzeit zu Hermès wechseln. Er sieht das als Bereicherung, nicht als Behinderung. Und wir auch.

Ist Ihre private Freundschaft bei der Arbeit ein Fluch oder ein Segen?

 

 

Alexis Fabry
Wir kennen uns, seit wir 19 sind. Tatsächlich haben wir uns intensiv befragt, ob wir unsere Freundschaft damit aufs Spiel setzen, ob wir als Tandem in dieser Position funktionieren können. Nach drei Jahren kann ich sagen: sehr gut. Wir treffen uns privat noch genauso gern und häufig wie vorher und reden dabei nicht über Hermès (lacht).
 
 

Charlotte Macaux Perelman

Das haben wir uns und unseren Familien und Freunden versprochen! Freundschaften in der Arbeit habe ich immer positiv erlebt, weil es dann ein Vertrauen und Verständnis gibt, was viele Sachen leichter macht.
 

Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

 

 

Alexis Fabry

Es gibt keine. Wir sind ja nicht als Designer, sondern als Kuratoren für alle Produkte von Hermès Maison tätig. Und als solche leiten und steuern wir gemeinsam das Designteam im Haus oder suchen externe Kreative für bestimmte Objekte aus.

 

Charlotte Macaux Perelman

Wir sind an denselben Tagen im Haus, stimmen uns mit dem Design-Studio über die wesentlichen Linien ab, die ihnen und uns vorschweben. Alexis und ich lernen ja über unsere aushäusigen Aktivitäten auch viele Künstler, Designer oder Architekten kennen, die uns Impulse geben und auf Ideen bringen, was gut zum Hause Hermès passen könnte. Das kann zunächst eine ganz abstrakte Idee oder Fragestellung sein, wie zum Beispiel: Wie sähe ein Hermès-Produkt ohne Leder aus? Und dann bringen sich diese Leute mit ihren eigenen Vorstellungen ein   und so entsteht langsam ein Entwurf. Es gibt kein festes Muster, alles ist Ergebnis einer offenen, kollektiven Arbeit.

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