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Fotos: Matthias Ziegler
Text: Kimberly Bradley

 

 

 

 

John Gerrard ist in Irland aufgewachsen. Seine Mutter war Umweltaktivistin. Während seines Studiums kam er erstmals mit den Potenzialen digitaler Simulation in Berührung.
 
GERRARDS WERK BEFASST SICH MIT DEN SICHTBAREN UND VERBORGENEN MÄCHTEN UND EINFLÜSSEN, DIE UNSERE WELT STEUERN.
 
Mit ausgeklügelter digitaler Simulationstechnologie, die vorwiegend für Computerspiele verwendet wird, exponieren und kommentieren seine Werke Knotenpunkte und Strukturen der Macht, verfolgen zeit- und energiebasierte Prozesse und werden häufig im öffentlichen Raum und in Museen zur Schau gestellt.
 
 

 

 

John Gerrard überlegt. Er sinniert über die ursprüngliche Antriebskraft der Modernität. Er macht sich Gedanken über jene Substanz, die uns heute als Antriebskraft dient   Öl   und über mögliche Alternativen. Der 43-jährige Künstler wuchs in Irland als Sohn einer Umweltaktivistin auf und interessiert sich seit seinem Kunststudium für digitale Techniken und Potenzialitäten. Bei einem späteren Aufenthalt als Artist in Residence auf der Ars Electronica in Linz entwickelte er eine besondere Bindung zu Österreich. Seit zehn Jahren gestaltet Gerrard zusammen mit einem Team aus Wiener Programmierern Kunstwerke, die der Welt der Spiel-Engines entstammen. Seine Werke sind außerordentlich detaillierte Simulationen der Realität, die die Machtstrukturen der heutigen Welt kommentieren, bloßstellen und kritisieren   Gerrard platziert sie häufig im öffentlichen Raum. 

In einem modernen Storefront-Studio mit Blick über einen Park in Wiens 6. Bezirk sprach nomad mit Gerrard über seine evokative Kunst, über die Macht von Erdöl und wie unsere Realität durch den Treibstoff, den wir verwenden, verzerrt wird   und über etwaige Alternativen.

 

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KIMBERLY BRADLEY

Oh, das sieht aber schön aus (womit sie den Käse, das herzhafte Brot und die Früchte meint, die Gerrard auf seinem Studiotisch ausgebreitet hat).

 

JOHN GERRARD

Dieser Bergkäse ist der beste in ganz Österreich.

 

Und das hier ist ja auch wunderbar (ein LED-Werk steht wie ein Lichtkasten auf dem Tisch hinter dem Brot: Auf dem Bildschirm ist ein hypnotisches Bild eines Benzinregenbogens über bewegtem Wasser zu sehen. Im Bild reflektieren sich Bäume, ein Flussufer, Ansätze des Himmels   wie bei allen von Gerrards Bildern und Environments handelt es sich um eine Simulation, die auf kodierten Algorithmen basiert). Was ist das?

 

JOHN GERRARD

Das ist eine Arbeit aus meiner Serie Flags. Seit etwa 14 Jahren interessiere ich mich für Benzin auf Wasser. Herrliche Regenbogen   Farbflecken auf der Straße, wo Benzin ausgelaufen ist. Diese Schönheit ist tief in der Natur des Erdöls verwurzelt. Doch trotz seines Reizes und seiner Schönheit ist Benzin toxisch. Es ist ungemein gefährlich. Für meine Arbeit habe ich es einfach als interessante Metapher empfunden.

Wie hat sich diese Metapher dann in ein digitales Kunstwerk verwandelt?

 

JOHN GERRARD

Ich habe Fotos von Benzin auf Wasser gemacht und meinen Programmierer, Helmut Bressler, gefragt, ob er sich das Ganze algorithmisch ansehen könne. Mithilfe eines Dünnschicht-Refraktions-Algorithmus, einer Lösung aus der Physik zur Realitätsmodellierung, hat er dann eine einfache Simulation von Wasser erstellt. Anschließend haben wir vier große Kontinentalabflüsse ausgewählt   die Donau in Europa, den Amazonas in Südamerika, den Nil in Afrika und den Jangtsekiang in Asien. Ich bin an diese Flüsse gereist und habe dort jeweils einen Ort am Ufer gefunden und dokumentiert; die Farbe des Wassers, die Bewegung   jedes Werk ist mit einem ganz bestimmten Ort verbunden. Wir haben mehrere Monate daran gearbeitet, und das ist das Resultat. Es ist virtuell; eine algorithmische Simulation von Millionen Lichtstrahlen, die auf eine dünne Schicht auf der Wasseroberfläche treffen.

 

Es wirkt poetisch und hypnotisch.

 

JOHN GERRARD

Das hier ist die Donau, die ist wirklich blau. Jeder Fluss hat seine eigene Farbe. Und Benzin reflektiert ein ganz bestimmtes Spektrum. Ein glänzender Metallic-Look.

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