Stehen wir der digitalen Transformation machtlos gegenüber?

nomad sprach mit Johannes Kleske, Strategieberater für die digitale Transformation und Mitgründer des Beratungsunternehmens Third Wave in Berlin. Kleske steht für einen reflektierten Umgang mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Im Interview nimmt er Stellung zu aktuellen Strömungen im Silicon Valley, zu unseren Handlungsoptionen in Europa sowie die Notwendigkeit, unsere individuelle Selbstbestimmungsfähigkeit zurückzugewinnen.


KOMPLEXITÄT AUSHALTEN

Johannes Kleske, 38, ist Strategieberater und Zukunftsforscher. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich mit der Zukunft von Arbeit, Kommunikation und Städten aus einer kritischen Perspektive. Seine Grundmotivation ist es, die Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen in einer komplexen Welt zu erhöhen. Seit 2010 führt er mit Igor Schwarzmann das Strategieunternehmen Third Wave in Berlin, das Kunden wie die Deutsche Bahn, Alucobond, BVG, Peta und Postbank berät. In seinen Vorträgen setzt er sich für einen selbstbewussten und reflektierten Umgang mit der digitalen Transformation ein.



Interview



Frank Wagner



EINS
Lieber Johannes, kurz zu deiner Biografie. Wie bist du zu einem digitalen Vordenker geworden?



Johannes kleske



Ich tue mich mit dem Begriff des Vordenkers schwer, weil dadurch das Bild eines einsamen Philosophen vermittelt wird, der allein in seinem Zimmer sitzt und neue Theorien ersinnt. Ich sehe die Welt als Netzwerk, in dem Menschen, geprägt von den Menschen um sie herum, viele verschiedene Dinge tun. Das wenigste davon ist neu, aber aus dem Netzwerk heraus entsteht Neues. Ich sehe meine Rolle eher darin, die Bewegungen an den Rändern des Netzwerks zu beobachten, zu verbinden und weiterzuvermitteln, irgendwo zwischen Scout und Übersetzer.

Schon mein ganzes Leben lang bin ich getrieben von dem Wunsch, Informationen aufzunehmen und Wissen zu sammeln, immer auf der Suche nach dem Nächsten. So bin ich als Teenager zu Computern gekommen, zum Internet und um die Jahrtausendwende zum Bloggen. Das war wiederum ein enorm wichtiger Schritt in Richtung des oben erwähnten Netzwerks. Ich hege durchaus nostalgische Gefühle für die Anfangszeit des Bloggens, in der wir fast täglich Artikel schrieben, die Artikel der anderen lasen und kommentierten und uns auch mehr und mehr auf Kongressen und den sogenannten Barcamps (Konferenzen, bei denen das Programm von den Teilnehmern bestimmt wird) trafen. Dort lernte ich auch meine Mitgründer von Third Wave kennen, der Beratungsfirma, die wir 2010 gründeten und die bis heute das Finden, Bewerten und Vermitteln des Neuen zum Gegenstand hat.

Der Punkt Bewerten spielt dabei eine inzwischen immer größere Rolle. Es geht für mich nicht mehr nur darum, das Neue zu finden und zugänglich zu machen. Ich will auch kritisch hinterfragen. Nicht, weil ich grundsätzlich dagegen bin, sondern weil ich in vielen Fällen glaube, dass man es besser machen kann. Viele Diskussionen um Technologie sind in Deutschland von einem Dualismus zwischen Technologie-Determinismus der Fortschritt ist unausweichlich und wird die Probleme schon irgendwie lösen und einem Technologie Pessimismus der Fortschritt ist böse und macht alles kaputt geprägt. Was dabei aber passiert ist: dass man sich nicht mehr in der Tiefe mit den Details der Technologien und ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen beschäftigt und so auch keine Ideen entstehen, wie man es besser machen könnte. Deswegen sehe ich mehr und mehr meine Aufgabe darin, den Finger an die kritischen Stellen zu legen, aber auch mehr Vorschläge zu unterbreiten, wie ein selbstbewusster, reflektierter Umgang mit dem Neuen aussehen könnte.

The
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ZWEI
Durch die Digitalisierung, oder besser durch die uneingeschränkte Nutzung ihrer Möglichkeiten, ist jeder Einzelne für jene gläsern geworden, die diese Technologie anbieten. Unser Verhalten hinterlässt Spuren, infolgedessen gibt es keinen Schutzraum für unsere persönliche Identität mehr. Die Digitalisierung hat uns vereinnahmt wie keine Technologie vorher. Wann wurde dir bewusst, dass diese Entwicklung unausweichlich sein wird?



Eine der wichtigsten Strategien für mich in der Herangehensweise an eine digitale Welt ist, die zunehmende Komplexität nicht zu reduzieren, sondern zu lernen, sie auszuhalten und mit ihr um zugehen. Wenn wir versuchen, Komplexität zu vereinfachen, führt das häufig zu falschen Darstellungen und Schlüssen. So können digitale Technologien bestimmte und darauf liegt hier die Betonung Verhaltensweisen besser beobachten und aufzeichnen. Ohne die Tech-Konzerne und die Geheimdienste dabei irgendwie in Schutz nehmen zu wollen, würde ich aber hinterfragen, ob wir dadurch schon komplett gläsern geworden sind. Diese Frage lässt sich immer dann gut stellen, wenn die Unternehmen und Dienste versuchen, die Aufzeichnungen unseres Verhaltens einzusetzen. Ob Empfehlungen auf Amazon oder Metadaten für Drohnenangriffe es geht immer noch verdammt viel schief, und das liegt nicht nur daran, dass die Algorithmen noch wesentlich weniger smart sind, als immer gerne suggeriert wird. Es liegt auch daran, dass wir als Personen deutlich komplexer sind. Wir haben Launen, leben in vielfältigen Kontexten, die von Minute zu Minute wechseln können, sind häufig mit uns selbst uneins und wechseln auch häufiger die Meinung, als wir gerne zugeben würden. Kurz, wir sind alles andere als mathematisch berechenbare Maschinen.

Und genau deswegen bleibt auch weiterhin unser Körper der ultimative Schutzraum für unsere persönliche Identität, allen Fortschritten in der Neurowissenschaft zum Trotz.

Ich habe viel mehr ein Problem damit, dass wir uns in eine Richtung bewegen, wo die digitale Repräsentanz meines Verhaltens als mein tatsächliches Verhalten angesehen wird und darauf basierend Entscheidungen getroffen werden. „Sie haben das und das angeklickt, also wählen Sie links.“ „Sie haben diese Materialien im Internet bestellt, also sind Sie ein bombenbauender Terrorist.“ „Ihr Handy war in derselben Funkzelle wie das von registrierten Aufständischen, also kennen Sie die.“