Edward Barber und Jay Osgerby sind die erfolgreichsten britischen Designer seit Beginn der industriellen Revolution. Ihre Arbeit fordert die Grenzen von Design heraus.

An Arbeit mangelt es Edward Barber und Jay Osgerby nicht. Die beiden Endvierziger bilden das Dreamteam der britischen Möbelindustrie, klar und konzentriert, immer mit einem Twist, einem Dreh, der ihre Entwürfe wiedererkennbar macht. So gestalteten sie 2012 die charakteristisch durchlöcherte Fackel der Olympischen Spiele von London, die jedem Windstoß trotzt und eisigen Temperaturen, sowie einige Möbel, die inzwischen als moderne Klassiker gelten, wie der „Tip Ton“ Chair, der provozierend einfach die Frage nach Bewegung in der Schule oder im Büro von heute löst, indem man darauf wackelt wie früher Oma in ihrem Schaukelstuhl.

Ihr Büro im einstigen Zentrum der britischen Möbelindustrie, dem Londoner Stadtteil Shoreditch, zeigt eine brummende Ideenschmiede, in der sich die beiden Chefdesigner die Bälle nur so zuspielen. Wie sehen Edward Barber und Jay Osgerby eigentlich die Zukunft des Büros? Und was wird aus der Arbeit, wenn wir alle plötzlich kreativ sein sollen und überall E-Mails beantworten und unsere Blogs mit immer neuen Bildern aufpumpen? Die beiden Briten geben Einblick in ihre Welt, die trotz, oder gerade wegen dem Brexit, vor allem eines ist: international und verbindend. Das ist die Botschaft des Designs im 21. Jahrhundert.

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Es geht nach oben. Eine Stiege aus Holz. Und dann noch eine. Die Planken knarren, die Türen tragen Bullaugen. Mit jedem neuen Stockwerk verstärkt sich das Gefühl, eigentlich ein Schiff zu betreten, das womöglich gleich ablegen wird. Ganz oben, direkt unter dem Dach, arbeiten Edward Barber und Jay Osgerby, freundliche Seebären, mit graumelierten Bärten und entwaffnendem Lächeln. „Hallo“, sagt Edward Barber und fährt die Hand aus. „Willkommen in unserem Designstudio.“ Jay Osgerby scherzt: „Willkommen in den United States of London.“ Sie könnten gegensätzlicher kaum sein und kaum ähnlicher. Der hoch aufgeschossene Edward Barber überragt seinen Partner Jay Osgerby um gut einen Kopf. Zusammen bilden sie das Dreamteam der britischen Designindustrie. Sie verstehen sich blind. Was sie in die Hand nehmen, verwandelt sich zu einem besonderen Stück, einem Objekt mit Charakter. Liegt es an ihren Radien, ihren Wandstärken? An einem Gefühl für Rundungen? Oder sind es doch die Materialien?

Hier, unter dem Dach des alten Warenhauses, durch dessen Fenster der Wind pfeift, sind einige von ihnen aufgereiht: die Mock-ups und Detaillösungen für Einstellhebel, Teekannendeckel, Schraubverschlüsse und Tabletts. Eine begehbare Materialcollage aus Marmor und Polyethylen, Acrylbinder und Holz, Papier und Pappe. Dazwischen Berge von unbeschriebenen Blättern und Bleistiftskizzen aus Transparentpapier. Ist es das, was die Designer wollen, ein romantischer Rückzugsort, mitten in der Großstadt?