Auf der Suche nach Yonas, einem eritreischen Flüchtling im Sudan, geraten der Fotograf Matthias Ziegler und der Autor Michael Obert in den Sumpf des internationalen Menschenhandels. Eine scheinbar aussichtslose Mission. Auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt.

nomad erhielt Einblick in ihre Reisenotizen und damit in das Schicksal einzelner Menschen auf der Flucht   oder, was Menschen auf sich nehmen, um die Chance auf eine lebenswerte Zukunft zu finden.

Tagelang floh er mit neun Gefährten zu Fuß vor der Militärdiktatur im benachbarten Eritrea. An der wüstenhaften Grenze des Sudan griffen schwer bewaffnete Männer an, zwangen die Flüchtlinge mit vorgehaltenen Kalaschnikows in ihre Geländewagen und karrten sie in ein Versteck in der Öde. „Ein einzelner Baum, Zelte, Kamele“, erinnert sich Yonas; mit der einen Hand drückt er unser Taschentuch an seinen Hals, in der anderen hält er das Kinderfoto. „Und weitere Geiseln, mehr als achtzig Eritreer.“

Angekettet an schweren Metallringen ließen die Menschenhändler Yonas auf Knien in der Hitze ­schmoren. Ein Becher Wasser am Tag, ein halbes Stück Brot, morgens und abends Schläge mit Stromkabeln. „Für jeden von uns verlangten sie 15.000 Dollar Lösegeld“, sagt Yonas; das Kinderfoto in seiner Hand scheint vergessen. „Sie schrien: ,Ruf deine Familie an, die sollen zahlen!‘“

Als Yonas sich weigerte, drückten sie Zigaretten auf seinen Armen aus, legten einen Draht um seinen Hals und würgten ihn; dann bedeckten sie seine Schulter mit Plastiktüten und zündeten sie an. Yonas zieht im Café sein Hemd ein Stück herunter. Sein Schulterblatt ist verätzt bis auf die Knochen. „Zuerst taten sie es wegen des Geldes, später auch zum Spaß.“

Das Kinderfoto fällt ihm wieder ein. Fast zärtlich berührt er die Gesichter der beiden Jungen, die in weichen Farbtönen gehalten auf einer Decke im Gras sitzen. Der Ältere hält einen gelben Luftballon, der Jüngere kneift lachend die Augen zu. „Brüder“, flüstert Yonas; dann schüttelt er den Kopf. Er ist nicht der, den wir suchen.

The
nomad

More InfoApp Store

IPAD EDITION

Merhawit will nicht mit uns gesehen werden. Aus Angst, Geheimagenten könnten an unseren Fersen kleben. Nach tagelangem Hin und Her findet das Treffen schließlich im Auto statt. Der Fahrtwind lässt die Stoffvorhänge an den Scheiben flattern, während Merhawit einen Verschlag aus Ästen und Ziegenleder beschreibt, „kaum größer als ein Sarg“. Darin banden die Menschenhändler die junge Eritreerin an einem Pflock am Boden fest.

„Sie standen in der Wüste Schlange“, sagt Merhawit; ihr Haar ist unter einem Kopftuch nach hinten geflochten, auf ihre Fingernägel hat sie kleine rosa Punkte getupft. In den ersten Tagen zählte sie ihre Vergewaltiger. „Ich dachte, bei 50 sei sicher Schluss.“ Das habe ihr innerlich Kraft gegeben. Doch mit den Wochen wurden es immer mehr und irgendwann hörte Merhawit auf zu zählen. Ihre Geschichte teile sie nur mit uns, sagt sie, weil sie hoffe, dass sich etwas ändern werde, wenn Europa von den Grausamkeiten auf der Khartum-Route erfahre.

Nach 13 Monaten in den Händen der Vergewaltiger brachte ihre Familie endlich 35.000 Dollar Lösegeld auf. „Doch statt mich freizulassen“, sagt Merhawit im Auto, „verkauften sie mich an die nächste Bande.“ Und die Misshandlungen gingen weiter, bis ihre Peiniger sie halbtot in die Wüste warfen. Wie durch ein Wunder hat sie überlebt: Kamelnomaden fanden sie und brachten sie zu einer Zeltstation des Roten Halbmonds. Merhawit hat Qualen erlitten, jenseits aller Vorstellungskraft. Doch nie kommt sie uns wie ein Opfer vor. Aufrecht sitzt sie im Auto. Ihr Blick hält dem unseren stand. Sie klagt nicht, weint nicht, ist entschlossen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Wie alle Flüchtenden, die wir unterwegs treffen, hat Merhawit ganz konkrete Pläne. „In Frankfurt als Krankenschwester arbeiten“, sagt sie mit fester Stimme. „Menschen pflegen und heilen, egal welche Hautfarbe sie haben.“