Städteplanung sollte konsequent auf den Menschen ausgerichtet sein, So das Plädoyer des dänischen Architekten Jan Gehl, der in den letzten Jahrzehnten in Kopenhagen ein Vorzeigemodell einer menschenfreundlichen Großstadt geschaffen hat – und mittlerweile weltweit kopiert wird.

Harald Willenbrock

Lieber Herr Gehl, Bürgermeister und Stadtplaner aus der ganzen Welt kommen heute zu Ihnen, um sich Rezepte für eine höhere Lebensqualität in Städten abzuholen. Dabei können vermutlich die wenigsten definieren, was das überhaupt ist.

Jan Gehl

Es gibt einen ziemlich zuverlässigen Indikator, um die Lebensqualität einer Stadt zu erfassen: Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf ihren Straßen und Plätzen unterwegs sind!

Harald Willenbrock

Das müssen Sie uns erklären.

Jan Gehl

Nach meiner Definition ist eine Stadt dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt. Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätzen und Gassen wieder Menschen begegnen können. Darin besteht schließlich die Idee einer Stadt.

Harald Willenbrock

Und warum dienen dafür ausgerechnet Kinder und Senioren als Lackmustest?

Jan Gehl

In Hanoi traf ich kürzlich eine Vietnamesin, die gerade aus Dänemark zurückgekehrt war. „Wie ist es bei Ihnen eigentlich zu diesem Babyboom gekommen?“ wollte sie von mir wissen, „Überall in Kopenhagen sieht man Eltern mit Kinderwagen und selbst Fünfjährige auf dem Fahrrad!“ Dabei haben wir in Dänemark überhaupt keinen Babyboom, ganz im Gegenteil. Aber Kopenhagen ist so sicher, dass wir unsere Kinder auf die Straße schicken können. Gleiches gilt für die Älteren, von denen es, wie Sie wissen, immer mehr gibt. In Hanoi wäre es für sie auf den Straßen viel zu gefährlich.

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Harald Willenbrock

Was müssen Architekten und Stadtplaner tun, um die Menschen wieder auf die Straßen zu bringen?

Jan Gehl

Ganz einfach: Sie sollten ihre Häuser und Städte für Menschen planen.

Harald Willenbrock

Wir dachten immer, das täten sie bereits.

Jan Gehl

Falsch. Die meisten neuen Gebäude und Stadtviertel ignorieren den menschlichen Maßstab, was Sie an ihren aufgeblähten Dimensionen ablesen können: Gebäude, Straßen und Plätze werden immer größer. Jene, die sie benutzen, die sie schätzen und die sich in ihnen wohlfühlen sollen–also wir–sind aber immer noch genauso klein wie eh und je. Auf diese Weise entstehen Städte, die einem permanent zuraunen: „Geh nach Hause, mein Freund, so schnell Du kannst, und schließ’ die Tür hinter Dir“. Und das hat sehr ungesunde Konsequenzen.

Harald Willenbrock

An welche Folgen denken Sie?

Jan Gehl

Die Stadtplanung der vergangenen fünf Jahrzehnte hat zigtausende Menschenleben gekostet, weil sie einseitig auf motorisierten Verkehr ausgerichtet war und die Menschen in einem Zustand permanenter Bewegungslosigkeit hielt. Heute ist mehr als ein Drittel der US-Amerikaner übergewichtig und Inaktivität ein wirksamerer Killer als Tabak. Städte hingegen, die ihre Bewohner in Bewegung setzen, betreiben ganz nebenbei die billigste Gesundheitspolitik überhaupt. Wer regelmäßig 10.000 Schritte am Tag geht oder sich anderweitig sportlich betätigt, kann im Schnitt auf sieben zusätzliche Lebensjahre hoffen.

Harald Willenbrock

Warum werden Großstädte Ihrer Meinung nach heute so an ihren Nutzern vorbeigebaut?

Jan Gehl

Weil die Stadtplanung im vergangenen halben Jahrhundert von zwei mächtigen Paradigmen dominiert wurde: ...